Liebe Gemeinde,

die Bibel macht es uns einfach: Sie erzählt eine Geschichte, und will uns dadurch gütiger, hoffnungsvoller, selbstkritischer machen. Sie erzählt. Die Bibel ist im Kern eine Erzählung, keine Theorie, kein Gesetzbuch. Sie versammelt Geschichten.
Eine Geschichte ist gut, wenn sie einfach ist, aber nicht vereinfacht.
So hören wir: Mit Adam und Eva habe es angefangen. Gott hat sie geschaffen. Aus nichts anderem als Erde. Aber nach seinem Bild.
Von diesem Menschenpaar stammen alle ab. Wir sind mit allen Menschen auf dieser Erde verwandt. Wir sind eine große Familie.
Wenn von der Erschaffung der Pflanzen und Tiere die Rede ist, dann heißt es: Gott schuf jedes Tier, jede Pflanze „nach seiner Art“ – das hören wir zehn Mal und werden schon langsam etwas müde dabei. Und wenn es um die Menschen geht – und das ist die Pointe, denn wir wären nicht unbedingt erstaunt, wenn es wieder hieße: Gott erschuf sie „jeden nach seiner Art“ – da heißt es auf einmal: er schuf sie „zu seinem Bilde“.
Bei den Menschen fallen die Unterschiede nicht ins Gewicht. Was zählt ist: sie sind Gott ähnlich. Sie haben etwas von ihm, was es auf der Welt sonst nirgendwo gibt. Und das haben alle zusammen. Wenn sie einander anschauen, dann sehen sie – Schwestern und Brüder.
Und wir sollen diese Geschichte zu unserer Geschichte machen. Nicht zu viel fragen. Denn das macht jede Geschichte kaputt. Es geht um die Pointe. Und die ist gut. Ja, sehr gut. Wir sind eins. Wir sind dazu da, etwas von Gott in dieser Welt zu verkörpern. Wir alle, alle Menschen – gleich an Würde, berufen selber schöpferisch zu sein und die Erde zu bewahren, von der wir stammen.

Paulus hat in seinem großen Brief an die Gemeinde in Rom auch eine kleine Geschichte erzählt. Eine einfache Geschichte, die es in sich hat. Er erzählte: Durch einen einzigen Menschen kamen Sünde und Tod in die Welt. Er macht es an Adam fest: Adam hat das Gebot Gottes missachtet, das die gute Lebensordnung schützen sollte. Und für Paulus ist das wie am Anfang der Bibel, in der Genesis, eine Menschheitsfrage. Für Paulus ist die ganze Weltordnung verdorben. Alles ist schief gegangen. Da ist keiner, der gerecht ist, kein einziger. (Nehmen Sie sich doch heute einmal Zeit für die ersten Kapitel des Römerbriefs!) Schau dich um, schau in das Gesicht deines Nachbarn, deiner Nachbarin: Alle sind sie verstrickt in diese verkehrte Ordnung, wollen wohl dem Leben dienen, aber rennen in die falsche Richtung und dienen dem Tod. Aber auch bei Paulus gibt es eine Pointe: Wie durch einen Menschen der Tod kam, so kommt durch einen Menschen das Leben: Jesus. Denn einer war gerecht und auf diesen einen können nun alle schauen. Er ist ihre Hoffnung. Die Pointe der Geschichte ist gut, sehr gut. Dieser Gerechte ist an dieser Ordnung zugrunde gegangen, aber Gott hat ihn auferweckt. Gott war ihm treu. Und Gott zeigt so der ganzen Welt, dass er treu ist und sich nicht abwendet. Durch die Auferstehung ist Jesus für alle Menschen, in allen Zeiten zum Bruder und zum Nächsten geworden. Es gehört nun zum Leben eines jeden Menschen, dass Jesus für ihn da ist. Er verkörpert die Treue Gottes und wenn Menschen in seinem Namen zusammen kommen, dann ist er mitten unter ihnen und sie verkörpern diese Treue neu.

Liebe Gemeinde,
für die Menschen in Lateinamerika gibt es eine Geschichte, die so einfach wie wahr ist: durch einen Menschen kam der Tod. Im März 1520 landete Francisco de Eguia im heutigen Mexiko. Er war mit Pocken infiziert. Die Spanier in seiner Begleitung waren größtenteils immun. Aber die Menschen in diesem Erdteil hatten noch keinen Kontakt mit dem Virus. Noch vor dem Ende des Jahres war ein Drittel der Bevölkerung der Epidemie erlegen.
Vielleicht kennen wir irgendwann den Namen des Menschen, dessen Körper als erster von dem neuen Coronavirus befallen wurde. Und wir könnten dann den traurigen Satz sagen: Durch diesen einen Menschen kam der Tod über unsere Welt.
Gibt es zu dieser Geschichte auch eine Pointe? Wie können wir weitererzählen bis es gut, sehr gut ist?
Ich will ab hier einem Historiker das Wort geben: Yuval Noah Harari.
„In den 1970er Jahren gelang es der Menschheit das Pockenvirus zu besiegen, weil alle Menschen, in allen Ländern geimpft wurden. Hätte auch nur ein einziges Land es versäumt, die eigene Bevölkerung zu impfen, hätte es die Menschheit insgesamt in Gefahr gebracht. Denn solange das Pockenvirus irgendwo existierte und sich entwickelte, konnte es sich erneut überall ausbreiten. Bei der Virenbekämpfung muss die Menschheit tatsächlich Grenzen scharf bewachen. Allerdings gilt es da nicht Ländergrenzen zu schließen, sondern die Grenze zwischen der Menschenwelt und der Virussphäre zu kontrollieren. Auf dem Planeten Erde wimmelt es von Viren, und infolge genetischer Mutationen entwickeln sich permanent neue Erreger. Die Grenze, die diese Virussphäre von der Menschenwelt trennt, verläuft im Innern eines jeden Menschen. Wenn es einem bedrohlichen Virus irgendwo auf der Welt gelingt, diese Grenzlinie zu durchdringen, bringt dies die Spezies Mensch insgesamt in Gefahr.
Im Lauf des vergangenen Jahrhunderts hat die Menschheit diese Grenze so stark befestigt wie nie zuvor. Moderne Gesundheitssysteme dienen als Grenzwall. Pflegekräfte, Ärzte, Wissenschaftler sind die Grenzschützer, die dort patrouillieren und Eindringlinge zurücktreiben. Allerdings bleiben lange Abschnitte dieser Grenze beklagenswert ungeschützt. Hunderte Millionen Menschen überall auf der Welt entbehren selbst elementarer Gesundheitsdienste. Das gefährdet uns alle. Wir sind es gewohnt, über Gesundheit in nationalen Kategorien zu denken, aber Iranern und Chinesen bessere Gesundheitsdienste zu bieten, trägt dazu bei auch Israelis und Amerikaner vor Epidemien zu schützen. Diese Wahrheit sollte für jedermann auf der Hand liegen…“
Wir sind eins – eine Familie auf dieser Erde. Durch Adam, durch Jesus. Das glauben, das bekennen wir.
Das Evangelium von der Aufrichtung des Adam aus dem Staub der Erde, das Evangelium von der Aufrichtung des gekreuzigten Jesus aus dem Tod hatte nicht die Kraft die Erde in eine solidarische Welt zu verwandeln. Das haben wir zu beklagen.
Braucht es eine Erzählung von einem Virus, um das zu schaffen, was das Evangelium nicht geschafft hat?

Der letzte Satz von Harari geht so weiter:
„(Diese Wahrheit sollte für jedermann auf der Hand liegen,) und doch entgeht sie unglücklicherweise sogar einigen der einflussreichsten Menschen auf dieser Welt.“

Es geht um viel.
Dass Gott uns zu einer großen Völkerfamilie zusammengeschlossen hat, dass wir in der Gegenwart des auferstandenen Jesus leben, in dem Gott uns seine Treue zeigt, dass wir verloren sind, wenn wir die Geringsten unter unseren Geschwistern vergessen, daran erinnert die Bibel auf jeder Seite.

Nun muss unsere Hoffnung zum Tragen kommen. Dann bekommt die Geschichte, die einmal erzählt werden wird, ihre Pointe. Und es wird (hoffentlich) einmal gesagt:
Ja, da wurde die Menschheit geplagt durch ein Virus, so wie sie es noch nicht erlebt hatte. Es hat lange gebraucht, aber am Ende haben es alle verstanden. Und sie haben sich an das Beste gehalten, was unter ihnen erzählt wurde. Und sie haben ihre Uneinigkeit, das Misstrauen, den Kleinglauben überwunden. Und es gab einen neuen Anfang. Und es wurde gut, sehr gut.
So möge es sein.

Lesehinweis:
Yuval Noah Harari, Mehr Kooperation wagen. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 5’20, Seite 60-64

03.05.2020 – Predigt in Corona-Zeiten

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