Liebe Gemeinde,

zum dritten Mal können wir nicht für den Gottesdienst die Kirchentüren aufsperren. Aber ich will heute einen anderen Raum öffnen, für das, was unsere Seele in diesen Zeiten braucht.
Einen Psalm.
Denn Texte können uns zu Räumen werden, die wir betreten, in denen wir uns umschauen und bewegen, in denen wir unseren Platz finden und verweilen können.
Wir können uns von Romanen in andere Welten mitnehmen lassen. Wir können um uns herum alles vergessen. Denn in dieser anderen Wirklichkeit können wir auch andere sein. Und das ist manchmal gut so.
Darum geht es in der Welt der Psalmen in einem gewissen Sinn auch. Ein anderer sein, eine andere sein.
Darauf müssen Sie sich einlassen.
Denn es ist eine fremde Welt. Es hilft uns, wenn wir uns quasi nach dem Betreten verkleiden. Wenn wir in einen fremden Mantel schlüpfen, der uns zeigen kann, wer wir sein können.
Ich möchte Sie um etwas bitten, bevor Sie nun weiter lesen.
Nehmen Sie sich Zeit für den Psalm. Lesen Sie ihn ruhig dreimal. Vielleicht ist es Ihnen ja möglich, den Psalm laut zu lesen. Das verändert ihn. Und das macht etwas mit Ihnen.
Psalmworte wollen gesprochen sein – darum beten wir die Psalmen im Gottesdienst ja im Wechsel. Sie wollen eigentlich gesungen werden. Aber wir wissen die Melodie leider nicht mehr. Aber Stimme haben wir.
Es mag sein, dass Ihnen die Übersetzung nicht geläufig ist. Das ist gut so. Das schafft die Möglichkeit einer neuen Begegnung. Ich habe für Sie den Text nach der Bibel in gerechter Sprache gewählt.
Dort wird der Gottesname nicht zum HERRN. Der Name ist auch wie ein Raum im Raum, den wir aus Respekt nicht betreten. Er bleibt unverfügbares Geheimnis und feste Zusage: „ich bin da“. Wie beim brennenden Dornbusch. Aber damit wir einen Lautwert haben, steht dort Adonaj – so wie Israel Gott anruft.

Lesen Sie nun bitte – oder besser: beten Sie nun den Psalm 86.

Psalm 86
Ein Gebet. Von David.
Neige, Adonaj, dein Ohr mir zu!
Antworte mir!
Gedemütigt und arm bin ich.
Behüte mein Leben!
Ich bin dir zugeneigt.
Befreie, du, mein Gott, die zu dir gehören und auf dich vertrauen.
Neige dich mir zu, mein Herrscher über uns alle.
Zu dir schreie ich den ganzen Tag.
Fülle mit Freude meine Kehle! Zu dir gehöre ich.
Nach dir, mein Herrscher über uns alle, sehnt tief sich meine Kehle.
Du, mein Herrscher über uns alle, du bist gütig und weitherzig,
reich an Freundlichkeit gegenüber allen, die zu dir schreien.
Höre, Adonaj, mein flehendes Gebet!
Vernimm den Laut meiner verzweifelten Bitten.
Am Tag, da ich bedrängt werde, schreie ich zu dir.
Antworte mir!
Unter den Gottheiten ist keine wie du,
mein Herrscher über uns alle.
Keine vermag zu tun, was du tust.
Alle Völker, die du gemacht hast, werden kommen,
sich vor deinem Antlitz niederwerfen und deinem Namen Ehre geben.
Du, mächtig bist du und wirkst wunderbare Taten.
Du bist Gott. Du allein!
Zeige mir, Adonaj, deinen Weg.
In deiner Treue werde ich gehen.
Sammle meinen Sinn, dass ich deinen Namen respektiere.
Ich lobsinge dir, mein Herrscher über uns alle,
meine Gottheit, aus tiefstem Herzen.
Deinem Namen gebe ich Ehre für immer.
Deine Freundlichkeit mir gegenüber ist groß.
Du reißt mein Leben aus tiefem Totenreich.
Gott! Selbstgefällige erheben sich gegen mich.
Eine Bande Gewalttätiger giert nach meiner Kehle.
Dich haben sie nicht vor Augen.
Du, mein Herrscher über uns alle, bist eine mitfühlende Gottheit,
voll Zuneigung, langsam zum Zorn,
reich an Freundlichkeit und Verlässlichkeit.
Wende dich mir zu! Neige dich mir zu!
Gib deine Kraft denen, die zu dir gehören,
und befreie ihre Nachkommen.
Mache an mir ein Zeichen zum Guten.
Die mich hassen, sollen sehen und zuschanden werden.
Du – du bist Adonaj!
Du hilfst mir
und lässt mich aufatmen.

Liebe Gemeinde,
wenn man einen Raum betritt, muss man einen anderen verlassen. Das Gebet hat jemand so beschrieben: ich kann, wenn ich bete, eine schützende Wand hochziehen gegen alles, was mich fertig machen will.
Wenn man einen Raum betritt, der einem nicht bekannt ist, dann schaut man sich um und das Auge sucht sich Dinge, die es fokussiert. Oder umgekehrt: es fällt uns etwas ins Auge. Dabei entsteht ein Raum in uns. Wir holen etwas erein. Manchmal sehen wir etwas, was in dem Raum gar nicht ist, was aber in uns ist.
Die Wechselwirkung lässt Unterschiedliches hervortreten. Man springt niemals in den gleichen Fluss. Man betritt nie denselben Raum zweimal. Einmal kann er uns unheimlich vorkommen, ein anderes Mal tut er uns gut.
Was haben Sie gelesen? Welche Wörter waren lauter als die andern?
gedemütigt,
arm,
ich schreie,
ich werde bedrängt,
Totenreich?
Oder:
gütig,
weitherzig,
Freundlichkeit,
wunderbare Taten,
ich lobsinge dir,
Kraft?
Oder war es etwas anderes?
neige dein Ohr zu mir
behüte,
befreie,
du lässt mich aufatmen?
Einzelne Wörter können wieder Räume öffnen. Sie können zu Containern werden, für das, was wir auf dem Herzen tragen. Wir können es dort einfüllen.

…Gedemütigt und arm bin ich…
Mit dieser erschütternden Aussage setzt der Psalm ein.
– Schon wieder kein Anruf…
– Wer fragt nach mir?
– Wer sieht, wie ich mich abrackere?
– Ich fühle mich wie ausgelaugt.
…da ich bedrängt werde…
– Ich bin wie vom Leben abgeschnitten.
– Ich mache einen Bogen um alle Menschen, weil ich Angst habe mich zu infizieren – und am liebsten würde ich allen um den Hals fallen.
– Ich muss meine Arbeit schaffen und den Haushalt und die Kinder – und alle meinen, ich bin auch noch für die gute Stimmung verantwortlich.
– Alles lief so gut. Wir sind finanziell wieder auf die Beine kommen. Und jetzt zieht es mir den Boden unter den Füßen weg.
… Totenreich…
– Ich kann die Nachrichten nicht mehr ertragen. Ich will nicht mehr in die Intensivstationen schauen und hören, dass es nicht genug Geräte gibt.
– Ich bekomme die Bilder nicht aus dem Kopf: Gabelstapler schaffen Leichen weg, in einem Eisstadion werden die Toten gelagert.
– Die Zahlen und die Kurven – das sind Schicksale. Es wird nicht alles gut. Nicht für alle. Wird es jemanden treffen, den ich kenne?

Und wenn Sie, lieber Schwester, lieber Bruder, die Container-Wörter gefüllt haben, wenn Sie ihr eigenes Befinden in die Texte eingetragen haben, dann bitte ich Sie sich folgendes vorzustellen:
Sie sprechen diesen Text im Mantel Davids, im Mantel des Messias, des Christus-Königs. Sie schlüpfen hinein in einen Königsmantel. Und Sie nehmen für sich in Anspruch, was David zu gesagt wurde: ein erwählter, gesegneter Mensch zu sein, der eine Aufgabe bekommt. Das ist mit der Taufe gemeint: ein Teil zu werden der Gemeinde, die hier den Messias verkörpert, nichts weniger. Ein Christ nennt sich nach Christus, nichts weniger.
Als erwähltes, gesegntes Menschenkind durchschreiten Sie noch einmal den Raum, den der Psalm vor Ihnen auftut. Denn David ist ein Erwählter Gottes.
So schreibt Gott Geschichte, in dem er Menschen erwählt und an sich bindet. Da wachsen die babylonischen Türme in den Himmel und er sagt zu Abraham und Sarah, mit euch habe ich etwas vor. Da schreit die Gewalt in Ägypten zum Himmel und Gott sagt zu Mose, mit dir habe ich etwas vor.
Und als das Volk endlich in das Land gekommen ist, das Gott ihm gezeigt hat, da wollen sie einen König wie die anderen Völker. Es geht doch nur so, wenn man bestehen will, mit Stärke und mit Macht, oder? Und Gott sucht sich selbst einen aus, einen Kleinen, einer, von dem keiner gedacht hätte, dass in dem was steckt, weil die Menschen nur sehen, was vor Augen ist. Er sucht sich einen Harfespieler, keinen Kriegshelden in stolzer Rüstung. Gott sucht sich einen aus, der auf sein Wort hört und ihm treu ist. Und dem wird der Mantel umgehängt. Er soll der Gesalbte sein.

Und nun sprechen Sie den Psalm noch einmal, in der Dankbarkeit eines Menschen, dem sich Gott zu erkennen gegeben hat, dem er zur Stimme wurde, die ihn ruft und ihm etwas zusagt, dem versprochen wurde, dass er immer wieder verwandelt werden kann, wenn er hört.
Und Sie sehen nun, es gilt drei große Schritte machen:
Der Raum ist strukturiert durch den Gottesnamen, der auch fett gedruckt ist.
Dreimal soll er hörbar werden:
Neige, Adonaj, dein Ohr zu mir! (1-5)
Höre, Adonaj, mein flehendes Gebet! (6-10)
Zeige mir, Adonaj, deinen Weg! (11)
Und dann geschieht etwas: wo kein Weg zu erkennen war, auf die Bitte hin: Zeige mir deinen Weg!, tut sich ein Weg auf. Der Umschlagpunkt ist wichtig: Auf das Bitten hin folgt die Zusicherung: In deiner Treue werde ich ihn gehen.
Das verzweifelte Geschrei wandelt sich in Lobgesang (ab Vers 12).
An dieser Stelle bricht die Kurzfassung unseres Psalms im Gesangbuch leider ab. Aber hier zeigt er doch erst seine Kraft!
Treu bleiben und treu den Weg Gottes gehen – das ist wie ein Anknüpfen an den Anfang der Erwählung. Ich will nicht mehr sein, als der Mensch, der deinen Ruf hört. Ich höre so viele Stimmen. Aber nur eine kann mich befreien.
Sammle meinen Sinn, dass ich deinen Namen respektiere.
Noch ist keine Rettung da. Aber, der Mensch, der so betet, weiß sich in den besten Händen.
Und er oder sie bittet auch nicht nur für sich selbst. Es heißt zwar am Anfang: Ich bin arm und gedemütigt – aber geholfen werden soll allen, die auf ihn vertrauen.
Und so geht der Wunsch aus V. 4 „Fülle mit Freude meine Kehle!“, bereits in Erfüllung, während er noch spricht. Wieder gute Worte sagen können, nicht nur ein Spiegel des Elends sein – das ist schon Befreiung.
Wer sich an Gott bindet, bindet sich an eine Kraft, die verhindert, dass man sich nur herabziehen lässt, niederdrücken lässt von dem Gefühl, nichts ausrichten zu können und zu schwach zu sein.
Wer so betet, lässt nicht alles mit sich machen und liefert sich nicht dem Schicksal aus:
Ich lobsinge dir, mein Herrscher über uns alle,
meine Gottheit, aus tiefstem Herzen.
Deinem Namen gebe ich Ehre für immer.
Deine Freundlichkeit mir gegenüber ist groß.
Ein viertes und letztes Mal wird der Gottesname angerufen:
Du – du bist Adonaj!
Du hilfst mir
und lässt mich aufatmen.
Die Kirche ist ein Ort zum Aufatmen. Unsere Sonntagsstunde hat keinen anderen Zweck. Der Raum, den ein Psalm für uns eröffnet, ist ein gesegneter Raum, in dem wir aus aufrichten, ausstrecken, aufatmen und
in dem an uns ein Zeichen zum Guten gemacht werden mag,
denn solche Zeichen werden gesucht und gebraucht.
Ich wünsche uns alle, dass wir solche Menschen sind,
an denen andere, ein Zeichen zum Guten finden.
Amen.

Leseempfehlung:
Klara Butting, Erbärmliche Zeiten – Zeit des Erbarmens. Theologie und Spiritualität der Psalmen. Uelzen 2013 (146 Seiten)

05.04.2020 – Predigt in Corona-Zeiten

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