Liebe Gemeinde,

es gibt lautmalerische Wörter, die gut beschreiben können, wie es in unserem Innern aussieht:

Knick und Knack.
Da hört man, was man lieber nicht hören will: da hat es einen Schaden gegeben, da hat etwas einen Sprung gekriegt, da ist etwas kaputt gegangen.
Ich vermute, wir haben alle einen Knacks davon getragen.
Wir sind geknickt. Manche sagen: ich fühle mich geknickt, angeknackst, lädiert, versehrt.
Die letzten Wochen haben ihre Wirkung gehabt. Wer könnte sagen, dass er sie unbeschadet überstanden hätte.
Wer sich nie etwas unter den „seitlich Eingeknickten“ vorstellen konnte, für die Hans Dieter Hüsch sich vorgenommen hatte zu singen, der kann es vielleicht jetzt.
Wenn der Stiel einer Blume in der Vase umknickt, dann wird sie bald ihre Blütenblätter abwerfen.
So lassen wir allmählich alle die Köpfe hängen. Da kommt kein Saft mehr, nicht genug, um noch ein wenig zu blühen.
Was für ein Dasein in diesen Zeiten…
Es fehlt an so vielem, was uns Kraft und Lebensmut gibt. Mag sein, es gibt Quellen der Kraft, aber wir können sie nicht nutzen, nichts herausziehen, nichts mehr herausholen.
Vor 2500 Jahren hat sich ein Prophet namens Jesaja an die Israeliten im babylonischen Exil gewandt. Sie hatten ihre Hoffnungen auf eine Rückkehr schon fast fahren gelassen. Ach was, sie hatten sie fahren gelassen. Sie hatten aufgegeben. Sie hatten sich aufgegeben.

Aber er hatte ihnen eine gute Botschaft zu bringen. Gott habe einen Retter bestellt, einen Gottesknecht. Der werde ihrem Elend ein Ende machen. Wer das ist, bleibt geheimnisvoll. Vielleicht ein einzelner, vielleicht der treue Rest Israels?
Über diesen Gottesknecht heißt es:
Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

Das muss gut getan haben, so etwas zu hören. Keine Durchhalteparolen und kein Gejammer. Da nimmt jemand ernst, dass Menschen am Ende sind. Geknickt sind, am verlöschen. Aber er bestärkt sie nicht einfach in ihrer Stimmung, sondern setzt etwas behutsam dagegen.

Es heißt da:
Er ruft nicht, er schreit nicht. Er stimmt nicht ein in den Klagegesang des Volkes.
Er ist kein Populist. Billig wäre es in der Lage, mit dem Gejammer und Gemaule zu punkten.
Leute, die so etwas gemacht haben, muss es gegeben haben. Aber der Gottesknecht ist da erstmal stumm und tut seinen Mund nicht auf.
Das muss ein hörender Mensch gewesen sein, einer, der zögert, bevor er spricht, der seine Worte erwägt. Kein Verstärker der schlechten Stimmung, sondern einer, der das Neue so sagen will, dass es nicht abprallt, das es aufgenommen werden kann: Es geht heimwärts! Da geht noch was! Es ist noch nicht ganz aus.
Er appelliert damit leise an das kollektive Gedächtnis: Habt ihr die alten Geschichten vergessen? Wisst ihr nicht mehr um eure Herkunft? Wer ihr seid? Er ruft Erinnerungen auf. Wie kein anderes Volk lebt Israel von Erinnerungen. Wie oft war es schon „aus und vorbei“? Wie oft habt ihr vor „dem Nichts“ gestanden?
Hat mit Mose jemand gerechnet? Mit einem, der dem Pharao Paroli bietet? Der in der Wüste einen Weg findet? Der sich vom Hunger, selbst vom Murren des Volkes nicht beirren lässt?
Hat jemand David zugetraut, dass er mit Goliath fertig wird?
Und haben nicht alle getönt: Kanaan könnt ihr vergessen. Da leben Riesen. Keine Chance!
Mal Hand aufs Herz, Volk Israel im Exil! Standen die Chancen nicht schon mal schlechter?
Jesaja relativiert. Ja, es ist übel. Aber nicht so übel. Bitte erhaltet euch einen Sinn für das Mögliche! Und bitte erhaltet euch einen Sinn dafür, was Gott möglich macht!
Wir hören auch solche Gespräche: Kein Mehl, keine Nudeln – und an der Kasse Schlange stehen. Dann ruft ein junger Mann: Das ist ja wie im Krieg. Ein paar lachen bitter. Nein, sagt eine Frau, die seine Großmutter sein könnte, wie im Krieg ist es nicht.
Wir hören von manchen: Wir bekommen ein Überwachungssystem übergestülpt, das ist wie bei Hitler. Aber Moment mal: Listen führen und Tracing-App – nein, wie bei den Nazis ist das nicht.

Ja, es gibt schon Skuriles. Wer seinen Grünabfall wegbringt, kann davon erzählen…
Man merkt, dass manche mit Machtbefugnissen nicht gut umgehen können und von dem Recht, jemanden abblitzen zu lassen und kühl „Das geht leider, leider nicht!“ sagen!, liebend gern Gebrauch machen.
Ich lese zurzeit immer wieder in den Gefängnisbriefen von Bonhoeffer: und ich finde Passagen, wo er seine Situation reflektiert und wir können viel davon lernen. Aber wir sind nicht eingesperrt, schon gar nicht von der Gestapo.
Ja, sagt Jesaja: es steht schlimm. Aber nicht so schlimm. Ja, es gab einen Knacks, aber es nicht alles in Scherben.
Jesajas Bild ist: geknickt, aber nicht gebrochen.
Nur noch glimmend, aber eben nicht ausgelöscht.
Der Populismus der schlechten Stimmung – der verdoppelt nur das Leid, das verbaut jede Perspektive.
Hört also, ihr Geknickten, ihr am Boden, ihr Kraftlosen!
Nicht nur ihr habt das Knick und das Knack gehört! Ihr hört es als Vorstufe vom endgültigen Aus.
Doch Gott hört dieses Knick und Knack als Signal. Er hat ein Ohr dafür. Das ruft ihn herbei. Es ist der Anfang der Rettung.
Gott sieht euch. Er weiß, wie es um euch steht! Er kennt einen jede und eine jede von euch! Er sieht ins Herz!
Und er sieht mehr als ihr sehen könnt: da ist noch Kraft und Glut in euch!

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.
Er kommt, um zu heilen, um heil zu machen, was Schaden genommen hat.
Israel in Babylonien hat sich diese Botschaft gemerkt. Das Wort Jesajas wird selbst zu einem Strohhalm für die Seele.
Es ist nur ein Wort, aber daran halten sie sich. Können sie sich halten. Es gibt wirklich Halt.

Liebe Gemeinde!
Es gibt eine schöne Geschichte von Bodelschwingh: Er hat in Bethel ein Krippenspiel aufgeführt. Die Kinder, es waren viele mit geistigen Behinderungen dabei, haben fleißig geprobt. Der Aufführung fieberten alle entgegen. Aber ein Kind hat mitten in der Aufführung einen epileptischen Anfall bekommen. Man musste sich kümmern. Die Stimmung war zerstört. Ein Kind sprach es aus: Jetzt hat alles einen Knacks.
Darauf wurde es still und alle schauten auf den Pfarrer Bodelschwingh.

Er musste etwas sagen. Aber was? Er sagte nur: Ja, alles hat einen Knacks. Aber genau darum ist Gott in die Welt gekommen, weil alles einen Knacks hat. Er hat Jesus gesandt, um diesen Knacks zu heilen.

Darüber können wir uns nicht nur an Weihnachten freuen. Amen.

17.05.2020 – Predigt – nicht mehr to go

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.