Liebe Gemeinde,

eine biblische Erzählung erinnert mich an unsere Corona-Situation. Es ist nicht alles vergleichbar. Aber wer sich hineinbegibt, kann vielleicht etwas von dem erfahren, was Jesus in einer viel verfahreneren Lage ausgerichtet hat.

Im Markusevangelium heißt es, dass Jesus seinen Schülern und Schülerinnen sagt, sie sollen an einem „eremon topon“ (6,31) zusammen kommen. Viele Übersetzungen sind hier nicht genau. Eremos ist die Wüste. Sie sollen sich also an einem wüsten Ort versammeln, nicht nur an einem einsamen Ort. Die Wüste ist in der Bibel nicht einfach nur ein geografischer Ort, den man auf der Landkarte finden kann. Es ist ein Rückzugsort, ein Ort der Entscheidung. Auf der 40jährigen Wüstenwanderung ist sie der Ort, an dem das Volk die Disziplin der Freiheit lernen muss, in sehr bitteren Lektionen. Das Markusevangelium spricht in eine Situation hinein, in der man von einer verwüsteten Welt sprechen kann. Ein Aufstand gegen Rom war gescheitert. Das Land hat keine Ressourcen mehr. Es gibt Hunger und Orientierungslosigkeit. Genau davon handelt die Geschichte.

Denn es kommt nicht nur Jesu engerer Kreis zusammen, sondern eine Menschenmenge, deren Anblick Jesus nahe geht. Denn er sieht, dass sie „wie Schafe ohne Hirten sind“ (6,34). Darum ist ihnen ja kein Weg zu weit. Sie erhoffen sich, dass Jesus ihnen einen Weg für ihr Leben zeigen kann. Und er legt ihnen die Bibel aus.

Darüber vergeht die Zeit und ein Problem wird akut. Was sollen die Leute essen? In der Wüste gibt es nichts.  Jesus soll die Leute nach Hause schicken, damit sie sich Brot kaufen können. Das ist der Vorschlag der Jünger. Jesus hat einen anderen Vorschlag, der sich nach einer Überforderung anhört: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ (6,37) Die Jünger gehen das realistisch an und überlegen, wieweit sie mit dem kommen, was in der Kasse ist. Jesus denkt aber nicht daran, etwas kaufen zu gehen. Er fragt danach, was da ist. Und ab da spätestens kommt Ihnen die Geschichte bekannt vor: Fünf Brote und zwei Fische (6,38). Vielleicht auch, was dann passiert: Jesus spricht darüber den Segen und verteilt das Essen.

Nicht ganz. Vorher passiert noch etwas:

„Und er gebot ihnen, dass sich alle lagerten, tischweise, auf das grüne Gras.“ (Mk 6,39 – Lutherbibel)

Das Gras ist chloros/grün.

Jetzt haben wir dreimal davon gehört, dass die Gegend wüst war. Und auf einmal ist das Gras grün.

In dem Moment, wo sie sich hinsetzen, Symposion für Symposion, Tischgemeinschaft für Tischgemeinschaft, ändert sich etwas. In die öde Landschaft kommt Farbe. Die Frage nach dem, was vorhanden ist, hat etwas geändert. Und schon ändert sich die Welt. Die Frage nach den Möglichkeiten hat etwas in Bewegung gebracht. Aus einer Menge (später heißt es, es waren 5000 Mann) wird ein strukturiertes Ganzes. Es kommt Ordnung hinein. In der Masse geht man unter. Jetzt haben wir überschaubare Einheiten, wie in der Nachbarschaft.

Bevor das Wunder geschieht und alle von dem Wenigen satt werden und am Ende noch zwölf Körbe mit Brocken übrig bleiben (6,43), erleben die Leute ihr grünes Wunder.

Es gibt da ein geniales kleines Buch von Gerard Minaard, in dem er eine Stelle in der Bibel etwa freier übersetzt und dabei den Sinn herauskehrt:

Es ist der Moment, da Jesus noch einmal innehält, bevor das Mahl beginnt. Jesus sieht auf zum Himmel, dankte, brach die Brote und gab sie den Jüngerinnen und Jüngern, dass sie sie verteilen.

Minaard schreibt:

„Jesus spürte die Kraft der befreienden Tradition

  • und er wagte es darauf.“*

Liegt es so fern, zu vermuten, dass Jesus in diesem Moment an den Psalm vom guten Hirten gedacht hat?

JHWH/ADONAJ/Der HERR ist mein Hirte,

mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue. (Ps 23)

Liebe Gemeinde!

Das ist im besten Fall unsere Sonntagserfahrung: die Kraft der befreienden Tradition spüren. Und etwas wagen. Verändert an die Dinge herangehen. Den lebendigen Gott auf seiner Seite wissen:

„Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,

fürchte ich kein Unglück.“

„Muss ich in den Abgrund, die Todesschlucht,

dann packt mich Angst

– bist du bei mir,

werde ich nicht sterben vor Angst.“ (so überträgt Huub Oosterhuis die Passage)

Die Welt wird anders, wenn wir anders auf sie blicken. Wenn wir nach unseren Möglichkeiten fragen. Wenn wir nicht nur auf all das schauen, was uns jetzt fehlt, sondern auf das, was da ist. Die Möglichkeiten, die sich aufschließen, wenn wir – zusammenkommen. Wenn die nicht auf das Trostlose um uns schauen, sondern die Augen zum Himmel erheben.

Es gibt zwar keine Gottesdienste. Es gibt nicht mehr den Kirchkaffee nach der Predigt. Eine Frau hat gesagt, sie habe schon viel hinter sich, Hunger, Erkrankungen, finanzielle Engpässe; aber dass sie nun ohne Umarmungen leben muss, das bringe sie langsam um. Und wenn ich an die kommenden Beerdigungen denke (damit meine ich nicht die durch das Virus bedingten, sondern die allfälligen), dann wird der Trost eines Händedrucks und einer Umarmung besonders fehlen.

Aber es gibt so viele Formen von Kommunikation, die uns zur Verfügung stehen. Und wir können einander beistehen und helfen. Eher durch Worte als durch Umarmungen, aber immerhin, wir können uns ja wieder Mühe geben mit den Worten wie bei unseren Liebesbriefen früher. Und wir können denen ein Zeichen des Respekts und der Anerkennung zukommen lassen, die den ganzen Laden am Laufen halten: eine Aufmerksamkeit vor die Tür einer Frau legen, die bei Lidl an der Kasse sitzt oder eines Mannes, der im Hetzelstift einen harten Job macht.

Das Gras wird grüner, wenn wir die Zeit, die wir jetzt haben, nicht vertrödeln, sondern Kontakte wieder knüpfen. Wenn man mehr allein ist, dann fällt einem auf, wen man am meisten vermisst. Niemand hindert uns, das zu sagen und zu schreiben.

Es muss bei uns nicht soweit kommen, dass Militärkonvois mit Särgen durch unsere Straßen fahren. Das hängt davon ab, ob wir bereit sind, Anordnungen zu befolgen und den Maßnahmen, die von den Menschen, die Verantwortung tragen, angeordnet werden. Wir können uns diszipliniert verhalten und andere dazu anhalten, sich zu disziplinieren. Aber noch wichtiger, wir können einander Mut machen und aufmuntern. Es gibt so viele Ideen, wie man leere Zeit füllen kann. Leere führt zum Grübeln. Wenn die Ängste Oberhand gewinnen, hocken wir nur noch in unseren Speisekammern und zählen die Brotvorräte und die Fischkonserven.

Wenn wir vor die Haustür gehen, gehen wir nicht nur zur Arbeit oder zum Einkauf. Wir werden zu Boten einer Hoffnung, die nur daher kommt, dass auch wir die Augen zum Himmel erheben, dass wir ab und an eintauchen in die Erzählungen der Bibel und die Kraft der befreienden Tradition spüren.

Die wenigen Begegnungen auf der Straße und die vielen Möglichkeiten durch das Telefon und die Computer sind unsere Chance zu einer Vernetzung unter einander. Wenn wir uns nur durch die Erzählungen der Bibel bewegen lassen, verwandelt sich etwas. Trostloses bleibt nicht trostlos. Die Wüste wird grünen und blühen. Amen.

Lektüreempfehlungen:

Gerard Minaard, Das Geheimnis der Humanität. Eine nicht religiöse Auslegung der Bibel für Menschen, die vielleicht an Wunder, aber nicht an Mirakel glauben. Uelzen 2020

Huub Oosterhuis, Psalmen. Freiburg i.Brsg, 2014

23.03.2020 – eine Predigt zur Lage…

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