Liebe Gemeinde,

heute hätte ich gerne mit Ihnen gesungen:

Die güldne Sonne voll Freud und Wonne
bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen
ein herzerquickendes, liebliches Licht.
Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder;
aber nun steh ich, bin munter und fröhlich,
schaue den Himmel mit meinem Gesicht.

EG 449

Man kann sagen, das Lied handelt von der Kraft der Auferstehung. Die güldne Sonne wird uns zur Ostersonne. Sie bewegt uns, belebt uns, macht uns im besten Fall munter und fröhlich, zumindest liegen wir nicht mehr darnieder, wir lassen den Kopf nicht hängen, sondern sehen auf zum Himmel. Wir kommen in die Gänge…

Der Gottesdienst ist der Ort, an dem wir hören und uns gegenseitig darin bestärken, dass nicht der Tod, nicht die Gewalt, nicht das Unrecht sich durchsetzen, sondern das Leben, die Menschlichkeit und das Erbarmen. Wir teilen eine große Vision.

Darum fehlt mir diese Stunde, die niemand so einfach durch einen Fernsehgottesdienst oder durch das Lesen einer Predigt ersetzen kann.

Wir stehen zwar nicht beim Singen, wie Paul Gerhardt es noch vorausgesetzt hat, aber wir stehen auf, wenn wir beten: Dein Reich komme! Denn dazu stehen wir. Und zwar miteinander. Dieses Gebet verlangt nach Menschen neben mir, nach einem Wir. Und dieses Beten ist auch ein öffentlicher Akt. (Auch wenn die Zahl der Gottesdienstbesucher bescheiden ist.) Wir läuten dabei eine Glocke, so dass auch, wer zu hause geblieben ist, sich mit uns im Gebet vereinigen kann.

Wir lassen unsere Stimmen hören wenn wir singen: „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“. Wir spüren von seiner Macht oft nichts. Aber unser Lob sagt: wir glauben an dich, wir nehmen dich beim Wort und bei dem, was dein Name zusagt: „Ich bin bei euch“. So hoch der Kirchturm alles überragt, so hoch setzen wir deinen Namen über alles, damit es wahr werde: Friede auf Erden, den Armen Gerechtigkeit, der geplagten Schöpfung Respekt.

Oder wenn wir singen: „Meine Zeit steht in deinen Händen“. Denn damit begeben wir uns in einen Raum der Geborgenheit, in Gottes Hand, damit wir gesegnet durch den Tag und die Woche gehen.

Wer die Gebetsworte nur mitspricht und die anderen singen lässt, der mag in diesem Moment auch von dem Vertrauen und der Zuversicht der anderen leben. Und das ist auch okay. Wir leben ja nicht nur aus unseren Ressourcen.

Und wer vor allem in die Kirche geht, weil er die Gesellschaft beim Kaffeetrinken schön findet, der ist auch willkommen. Es war schon immer so: Josel geht in die Synagoge, um mit Gott zu reden. Und Schlomo geht in die Synagoge, um mit Josel zu reden. (Aber eben mit Josel, der mit Gott redet.)

Liebe Gemeinde,

gerade in der Zeit, die wir durchmachen, in der Corona-Krise, wären Gottesdienste so wichtig.
Gemeinsam sind wir nicht nur stärker; in der Gemeinde können wir auch der Krankheit anders begegnen, den Folgen der Krankheit etwas entgegensetzen.

In diesem Zusammenhang ist mir eine Auslegung von Klara Butting über Heilungen im Markusevangelium wichtig geworden. Von ihr stammt der schöne Satz: „Markus erklärt die Kirchenbank zum Ort der Befreiung.“

Dazu muss ich etwas ausholen. Krankheiten werden in der Bibel anders gesehen als heute. Wenn wir von Dämonen hören und Besessenheit, dann merken wir, dass das nicht mehr unser Weltbild ist. Aber darin kommt zum Ausdruck: Krankheiten haben nicht nur mit dem Individuum zu tun, sondern mit der Gesellschaft, mit den Zeitumständen und sie haben mit Gott zu tun, denn sie hindern an der Teilhabe am verheißenen Leben.

Dass Krankheiten Einzelschicksale übersteigen und noch eine umfassendere Dimension haben, das sagen wir auch, wenn wir von Zivilisationskrankheiten sprechen. Der Leistungsdruck und die Beschleunigung unseres Lebens führen zu Gefäßkrankheiten und Depressionen.

Im Markusevangelium (5. Kapitel) begegnet uns ein Mensch, der in Grabhöhlen lebt, der nur noch wie wild herumschreit, nicht zu bändigen ist und sich selbst mit Steinen schlägt. Wenn wir dazu noch erfahren, dass er aus einem Ort stammt, der von den römischen Truppen nach einem Gemetzel geplündert und niedergebrannt wurde, dann wundert uns nicht, dass der Dämon, von dem er besessen ist, eine militärische Bezeichnung hat: Legion. Auch wenn der Truppenverband weiter gezogen ist, was dem Menschen angetan wurde und was er hat sehen müssen, das hält ihn immer noch gefangen, darüber hat er den Verstand verloren.

Ein anderes Beispiel hat mit unserer Jahreslosung zu tun. Da bringt ein Vater seinen „besessenen“ Sohn zu den Jüngern. Der arme Junge kann sich nicht kontrollieren, Krampfattacken werfen ihn ins Feuer wie ins Wasser und dabei zieht er sich Verletzungen zu. Die Jünger sind machtlos. Der Vater, der sein Kind nicht versteckt, sondern in dem auch nach Jahren eine schwache Hoffnung auf Heilung geblieben ist, bittet Jesus um Hilfe – „wenn du kannst“, sagt er. Vorbehaltlos glauben kann er nicht mehr, das jahrelange Elend seines Kindes vor Augen. Aber – als würde er sich selbst überraschen, schreit es aus dem Vater heraus: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (9,24) Später – in der Supervision – bekommen die Jünger erklärt, warum sie versagt haben: wer helfen will, wer etwas ausrichten will gegen die Resignation, der muss erst selbst seine Sprachlosigkeit überwinden. Krankheiten sind für sich schon schlimm, aber sie können darüber hinaus eine depressive Stimmung erzeugen, die Kranken wie die Angehörigen und Freunde vereinzeln und stumm machen, und manchmal – wie bei dem gestern an Covid-19 gestorbenen 16jährigen Mädchen – ein ganzes Land, eine ganze Generation erschrecken. Die Jünger Jesu sind eingeknickt vor dem „sprachlosen Geist“. Der Vater hat in seiner verzweifelten Liebe vor Jesus zu einer Sprache gefunden, die geholfen und gerettet hat.

Dämonen sind von Anfang an im Markusevangelium das große Thema. Gleich bei seiner ersten Predigt wird Jesus unterbrochen. Ein Dämon, der sich zum Sprecher einer ganzen Dämonen-Gruppe macht, zeigt, dass sich ein Konflikt zuspitzt (1,24): er erfasst, dass Jesus die Macht brechen könnte, die die Menschen gefangen hält in Depression und Zukunftsangst, in Schockstarre gegenüber den Gewaltigen und eigener Sprachlosigkeit. Der Ort der Auseinandersetzung ist der Gottesdienst. Hier stellt sich die Frage, ob der Blick der Leute vernebelt bleibt und ob ihre Glieder sich schwer wie Blei anfühlen, oder ob es Jesus gelingt, sie durch die alten Verheißungen von einem Leben in Solidarität wieder zu bewegen. Auch ohne moderne Kommunikationsmedien verbreitet sich in Windeseile, dass mit Jesus ein neuer Aufbruch möglich scheint.

Liebe Gemeinde,

wenn wir von der Corona-Pandemie sprechen, haben auch wir es nicht allein mit einer Krankheit zu tun. Und nicht nur, weil wir nun auch in eine Finanz- und Wirtschaftskrise steuern.

In erster Linie verlangt sie eine medizinische Anstrengung. Sie findet in den Krankenhäusern statt und verlangt dem ärztlichen und pflegenden Personal Enormes ab. Die pharmazeutische Industrie arbeitet mit Hochdruck. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kooperieren weltweit, um die Krankheit besser zu verstehen und einen Impfstoff zu entwickeln. Regierungen und Verwaltungen sind gefordert, dafür die besten Rahmenbedingungen herzustellen.

Aber das ist nicht alles: Das Virus und die Krankheit Covid-19 haben etwas „Dämonisches“. Nicht nur die Infizierten sind betroffen, sondern alle. Das Virus treibt in die Vereinzelung, verbreitet Angst und Schrecken. Es lähmt und bedrückt. Es wirft manche zurück auf ihre primitivsten Triebe und lässt sie zu Einzelkämpfern werden, nur noch gesteuert von der Angst, zu wenig zu haben, zu kurz zu kommen. Und in manchen Kellern finden sich Vorräte – nicht nur an Nudeln und Reis, sondern auch an Desinfektionsmitteln, die anderswo dringend gebraucht würden. (Lesen Sie einmal die 6. Strophe von EG 449!)

Unsere Medien versorgen uns nicht nur mit Informationen. Sie begegnen einer Angst vor der „unsichtbaren Bedrohung“: Wir würden es nicht aushalten, wenn wir uns kein Bild von dem Virus machen könnten. Und so werden uns in den Nachrichtensendungen Vergrößerungen des Erregers wie Fahndungsfotos präsentiert. Das Virus kann überall sein, an jeder Türklinke, an jedem Stift, mit dem wir einen Bon unterschreiben. Es beruhigt und ist wie ein kleiner Sieg, dass es identifiziert, dass es nun in dieser Form „sichtbar“ gemacht wurde – auch wenn es nur wie ein großer Gymnastikball aussieht.

Aufmerksam werden sollten wir aber an diesem Punkt: Es macht sich ein neuer Narrativ, eine Sprachregelung breit, wenn dem Virus begegnet wird. Je mehr sich in der Bevölkerung Ängste verbreiten, desto martialischer wird das Vokabular mancher Politiker: sie sagen, wir seien im Krieg, müssten uns also wie Soldaten verhalten und kämpfen, manche an der vordersten Linie, aber jeder auf seinem Posten. Mit dieser drastischen Sprache wollen sie aufrütteln und mobilisieren. Soweit ist das gut und verständlich. Dass es ihnen nicht nur darum geht, merken wir, wenn sie polemisieren, z. B. wenn das Virus ein nationales Etikett bekommt und als „chinesisch“ gilt, wie in der Rhetorik der US-Regierung. Oder wenn es dazu dient, den Einfluss des Parlaments zu beschränken wie in Ungarn. Krisen und Katastrophen sind für Politiker immer Profilierungschancen; sie sind ständig im Wahlkampfmodus. Darum kommt es zu Selbstinszenierungen auf Kosten anderer, die niemandem helfen und zu nationalen Abschottungen, die gemeinsamen Lösungen der mittlerweile globalen Krise entgegenarbeiten.

In der Bibel wird die versammelte Gemeinde zu dem Kampfplatz gegen Dämonen. Das wichtigste Mittel ist nicht irgendeine Magie, sondern – sehr nüchtern – eine Verkündigung, die Hoffnung weckt und zur Solidarität führt, die Auslegung der Thora.
Auf dem Feld der Politik kann aus der Einforderung von Befehlsgehorsam in „Kriegszeiten“ schnell eine Entmündigung der Bürgerinnen und Bürger folgen. Während wir in der Gemeinde die Einheit und den Wert jeden Lebens betonen, müssen wir feststellen, dass durch manche Politiker Junge gegen Alte, Gesunde gegen Kranke ausgespielt werden.

Schon gibt es die Frage, wie lange wir es uns leisten können, die Risikogruppen zu schützen, wenn dabei die Wirtschaft Schaden nimmt. Und die Älteren geraten besonders in den armen Ländern und in den Staaten, in denen die Gesundheitsversorgung kaputt gespart wurde, unter den moralischen Druck, auf eine Intensivbehandlung von sich aus zugunsten jüngerer Menschen zu verzichten.

Liebe Gemeinde,
wir schauen auf eine immer noch rasant zunehmende Infektionswelle, die noch lange nicht ihren Höhepunkt erreicht hat. Was setzen wir dem entgegen?

Den Fleiß in den Kliniken und Einrichtungen – auch denen der Diakonie. Das Ethos der Ärzte. Das Engagement von Ordnungskräften und Feuerwehrleuten. Die Kreativität einer Zivilgesellschaft und ein verantwortliches Leitungshandeln der Regierenden.

Wir setzen auch das Evangelium dagegen, wenn es um die Folgen der Pandemie geht.

Alles Reden, alles Beten in der Bibel kann man auf diese Erfahrung zurückgeführt werden:

„Zum EWIGEN habe ich gerufen in meiner Enge –
er antwortete mir.“

So beginnt der 120. Psalm. Das ist die Grunderfahrung der Menschen, die uns die biblischen Texte überliefert haben. Wer die Bibel liest, weiß, dass um diese Worte gerungen wurde, dass sie nicht leichtfertig dahingesagt sind.

Psalmen sind zum Nachsprechen und Nachdenken da. Sie liefern uns Worte, wenn wir keine haben, wenn uns die Worte ausgehen, wenn uns die Verhältnisse stumm machen. Wenn unsere Dämonen kommen.

Sie haben ihre Kraft, wenn sie im Gottesdienst gemeinsam gebetet werden. Sie haben ihre Kraft, wenn wir sie in der Kirchenbank gemeinsam als Evangelium hören.

Die Kirchenbank ist ein Ort der Befreiung. – Ich hoffe, wir sehen uns dort bald wieder.

Bis dahin müssen wir das Kunststück fertig bringen, Gemeinde zu sein, ohne uns zu begegnen.
Bis dahin dürfen wir uns freuen, wenn morgens die – güldne – Sonne aufgeht, wenn die Blumen im Garten blühen, wenn die Glocken läuten und wenn uns jemand anruft, der an uns denkt, vielleicht weil wir ihr oder ihm genauso fehlen, wie er oder sie uns.

Halten wir Abstand und halten wir zusammen!
Gottes Segen stärke das Beste in Ihnen und erhalte uns in der Gemeinschaft! Amen!

Lektürehinweis:
Klara Butting/Gerard Minaard/Luzia Sutter Rehmann (Hg.), Die Bibel erzählt…Markus, Wittingen 2007

29.03.2020 – Predigt in Corona-Zeiten

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