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Noch ist es so in keiner Wanderkarte verzeichnet. Aber wir haben am 21. August 2016 vor unserer Kirche (neben dem Turm) einen Jakobsmuschelstein ins Straßenpflaster gesetzt, um zu markieren, dass Gimmeldingen an einem der Jakobswege lag und liegt. Wir sind nun teil des Projekts Sternenweg.net und bereiten uns darauf vor, hier auch Pilger zu begrüßen, die dann im Pfarrmt auch einen Stempel für ihren Pilgerpass erfragen können.

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Eine Tafel weist auf das Wegenetz hin, in das unser Ort eingebunden ist, und insbesondere auf die Haardt-Achse.

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 Oberkirchenrätin Marianne Wagner schaut sich mit Senta Schowalter die Informationstafel an.

 

Link zur Sternenweg Projektinformation

 

Dazu hat Martien van Pinxteren in einem Gemeindebrief ausführlicher erläutert:

Christophorus und die Pilger

Bekanntlich sind unter dem Dach der protestantischen Kirche in Gimmeldingen Reste einer Malerei entdeckt worden, deren Bedeutung lange nicht erkannt wurde. Nun ist das Geheimnis gelüftet und diese Reste einer großflächigen Malerei stellten sich als eine überlebensgroße Darstellung des Christophorus heraus, die auf der Außenwand des Turmes angebracht war.
Christophorus, der „Christusträger“, ist seit dem Vatikanischen Konzil etwas aus dem Blickwinkel geraten und man überlässt ihn eher den Automobilclubs…

In der Volksverehrung hat er dennoch seinen festen Platz. Zurückzuführen ist das vor allen Dingen auf den Dominikaner Jacobus de Voragine. Er sammelte Heiligenlegenden und veröffentlichte diese um 1260 in seiner Legenda aurea, ein Werk, das weite Verbreitung im ganzen Abendland fand. Darin enthalten ist auch die Christophoruslegende. Das begünstigte die Christophorusverehrung enorm. Sie erreichte im 15. und 16. Jahrhundert ihren Höhepunkt.
Christophorus sollte angesichts der Gefahr eines plötzlichen Todes helfen. Er war einer der 14 Nothelfer und Schutzpatron für Reisende und Pilger. Die Menschen damals hatten große Angst unvorbereitet und nicht versehen mit den Sakramenten zu sterben. Das Anschauen einer Figur oder eines Bildes von Christophorus, meist verbunden mit einem kleinen Stoßgebet ersetzte diese fehlende Vorbereitung, sodass die Pilger, Reisende und alle Einwohner beruhigt ihre Wege gehen konnten. Eine ähnliche Wirkung entfaltete sich  – so der Glauben der Menschen damals – übrigens auch beim Anschauen der kon-sekrierten Hostie. Diese Art Frömmigkeit kennen wir heute nicht mehr. Allerdings: in der katholischen Kirche wird bei hohen Festtagen die Hostie in der Monstranz gezeigt, ein Brauch, der wohl aus diesem Anschau-Bedürfnis zurückzuführen ist.
Konrad Dangkrotzheim, Schöffe zu Hagenau schrieb 1435

„Desselben Tags soltu han Christoforum den großen Man
Der Christum uff seine Achseln treit
Wer den ansieht geschieht kein Leit
Des Tages so, er sein antlit seit“

Deshalb sind die Darstellungen von Christophorus immer so angebracht, dass sie direkt gesehen wurden, wenn man eine Kirche betrat und oder auch, angebracht an der Außenwand oder am Turm, wie in Gimmeldingen, durch seine Größe von weitem nicht übersehen werden konnten.

Christophorus war für die Pilger im Mittelalter von großer Bedeutung. Gilt das nun auch für den Christophorus von Gimmeldingen?
Lag Gimmeldingen möglicherweise an einem der vielen Pilgerwege nach Santiago de Compostela?

Darauf eine Antwort unter streng wissenschaftlichen Kriterien zu geben, wird wohl schwer möglich sein. Für unsere Region der Pfalz gibt es keine Reisebe-richte von Pilgern aus dieser Zeit und somit auch keine Hinweise auf die Wege, die begangen wurden. Wohl gibt es Spuren der Jakobusverehrung. So zum Beispiel in Speyer. Dort wird im historischen Museum der Pfalz eine Steinskulptur bewahrt, die den Heiligen Jakobus darstellt, der zwei Pilger segnet, die beide eine Krone tragen. Diese Pilgerkrönung war in der Frühgotik sehr beliebt. Die Statue stand vermutlich im Dom zu Speyer, denn zwischen 1250 und 1300 wurden mehrfach Priester der Hl. Afra und des Hl. Jakobus genannt, ein Hinweis – so Franz Maier – das die um 1100 erbaute Afrakapelle auch dem Jakobskult gewidmet war. Nach der großen Zerstörung der Stadt Speyer im Jahre 1689 müssen wohl Einwohner aus den umliegenden Orten nach verwertbarem Material gesucht haben. Sie fanden die Jakobusfigur und bewahrten sie bei sich zu Hause auf.
Ein Fresko der Pilgerkrönung gibt es übrigens auch in der Augustinerkirche in Landau.

Weitere Anhaltspunkte für die Jakobusverehrung sind alte Jakobuskirchen, Altäre von Pilgerheiligen, Jakobuskapellen, Gewannennamen, Jakobusbruder-schaften, Hospize und Spitäler.

Dabei beschränke ich mich hier auf die Haardtachse, die von Worms kommend nach Weisenburg führt.
Der ehemalige Leiter des Landesarchivs in Speyer, Dr. Karl-Heinz Debus, hat in Band 13 der Jakobus-Studien (herausgegeben von Robert Plötz und Peter Rückert) eine Fülle von Indizien zusammengetragen, die mir die Haardtachse als Weg der Pilger mehr plausibel erscheinen lassen als die beiden Pfälzer Jakobswege, die von Bischof Dr. Anton Schlembach initiiert, von dem Pfälzerwald-Verein ausgeschildert wurden, und nunmehr von der St. Jakobus-Gesellschaft Rheinland-Pfalz-Saarland e.V. betreut werden.

Zu Recht weist Debus auf die große Bedeutung von Speyer als Pilgerstadt hin. Ab Worms führte der Pilgerweg nach Rom, Jerusalem und Santiago über dem Hochrheinufer über Frankenthal, Schifferstadt, nach Speyer. Dort wechselten die Jerusalempilger zur rechten Rheinseite, Rom- und Santiagopilger folgten dem Uferweg und der alten Römerstraße über Germersheim, Lauterburg nach Straßburg.

Um auf das mittelalterliche Fernstraßennetz nach Metz zu gelangen, müsste der Weg über Worms, Göllheim, Lohnsfeld nach Kaiserslautern in Betracht gezogen werden, wobei Pilger durchaus auch auf direkterem Weg und auf Nebenstrecken von Speyer über Hambach nach Kaiserslautern ziehen konnten um so nach Metz zu gelangen.

Die Haardtachse hatte für Pilger nach Santiago eine pragmatische Bedeutung, führte sie doch über höher gelegene Straßen und Pfade. So konnten sie die wasserreichen Rheingegenden umgehen und das dichte Netz der Ortschaften an der Haardt für sich nutzbar machen.
Die Pilger scheuten auch keine Umwege, wenn es darum ging Gnadenorte zu besuchen und weiteren Pilgerheiligen wie Rochus, Jodokus oder Maria Magdalena Ehre zu erweisen.

Nach Dr. Debus verlief der Weg an der Haardt entlang, von Worms zunächst zur Wallfahrtstätte Zell. Dort gab es in der Stiftskirche einen Jodokusaltar, weiter über Bockenheim, wo auch heute noch die Ruine der „Heljekerch“ eine ehemalige Peterskirche mit Gnadenquelle aus dem 14. Jahrhundert zu sehen ist. Es folgte Großbockenheim mit der Flurbezeichnung Pilgerpfad. Das Kloster Höningen mit seiner Kirche St. Jakobus hatte das Patronatsrecht über Großbockenheim, ebenso über Großkarlbach, Dackenheim und Weisenheim am Berg, alle mit einer Jakobuskirche versehen. In Bad Dürkheim wird 1352 eine Jakobskapelle und ein Spital erwähnt, ebenso ein Jodokusaltar (1392), letzterer auch im benachbarten Wachenheim.
Der Weg verlief  nach Dr. Debus über Deidesheim mit Spital und Leprosenhaus nach Mußbach, könnte aber meines Erachtens unter Berücksichtigung der mittelalterlichen Frömmigkeit genauso oder alternativ von der gotischen Spitalkirche in Deidesheim über Königsbach mit der Corpus Christi Kapelle und der Verehrung der 14 Nothelfer nach Gimmeldingen geführt haben. Der Christophorus hatte sicherlich auch für Pilger Anziehungskraft und die Pilger und Reisende konnten über Lobloch weiter nach Mußbach ziehen. Dort treffen wir auf die Flurbezeichnungen „Jakobsmorgen“ und „Jakobspfad“. Von Mußbach führte der Wegverlauf über die Römerstraße mit einem Spital in Branchweilerhof, ein Leprosenhaus, und – nach dem Historiker Paul Habermehl  – über die heutige Gutleuthäuserstraße, den Friedhof und den im Seelbuch Neustadts erwähnten „jacobes pfat“ direkt zur Kirche St. Jakobus in Hambach.
Weiter auf dem Weg nach Weisenburg ist besonders erwähnungswert die Jakobusbruderschaft in Rhodt, die alte Jakobuskapelle im Turm der kath. Kirche St. Barbara, Hainfeld, Landau mit u. a. einer Jakobusbruderschaft, Klingenmünster mit seiner alten Abtei und Jakobskapelle.
Die Häufung dieser Indizien, verbunden mit der geografischen Lage des Weges und die Fortführung des Weges über die mit vielen Klöstern ausgestattete Strecke von Weißenburg, Riedselz, Soultz, Surbourg, Walbourg, Hagenau nach Straßburg, machen Sinn für die Annahme, dass diese Route auch von Pilgern im Mittelalter begangen wurde.

Übrigens treffen wir in der Abteikirche St. Peter und Paul in Weißenburg den übergroßen Christophorus, in auffallend ähnlicher Tracht wie in Gimmeldingen. Sein Festtag wurde im Mittelalter ebenso wie der des Hl. Jakobus am 25. Juli begangen.

Martien van Pinxteren
St. Jakobus-Gesellschaft Rhld-Pfalz-Saarland e.V
Region: Süd- und Vorderpfalz

www.jakobusgesellschaft.eu

Über das Projekt „Sternenweg“ können Sie sich hier informieren:

http://www.sternenweg.net/

Dort finden Sie auch die Haardt-Achse und Gimmeldingen mit Umgebung auf der Kartenseite:

http://www.sternenweg.net/Karte_Neu.aspx?Seite=43&Item=1&Lang=DE