Der Gimmeldinger Christophorus
Ein verborgenes Kunstwerk aus dem 13. Jahrhundert – wiederentdeckt, rätselhaft und von einzigartigem kunsthistorischem Rang.

Eine mittelalterliche Sensation
Das Rautenmuster am Turm unter dem Kirchendach fand lange keine Beachtung. Erst vor einigen Jahren entdeckten Denkmalpfleger Dr. Stefan Ulrich und Pfarrer Thomas Klein, dass es sich um die Reste einer großen mittelalterlichen Figur handelt – einst weithin sichtbar, als das Dach noch niedriger war. Die Aufregung unter Fachleuten war groß: Es ist ein mehrere Meter großer Christophorus.
Ein Könner war am Werk
Obwohl die Reste der Figur nach vielen Jahrhunderten verblasst und leider unvollständig sind, können Fachleute doch etliches erkennen und deuten. Was man heute noch sieht, sind nur die Farbreste, die tief in den Unterputz eingedrungen sind. Die Experten waren sich einig: Es handelt sich nicht um eine einfache Darstellung, sondern um das Werk eines echten Künstlers.
Daher kann man davon ausgehen, dass die Figur prächtig ausgemalt war – etwa mit einem Muster auf den Rauten oder mit wertvollem Hermelinbesatz am Mantel. Denn nach der Vorstellungswelt des Mittelalters musste ein Mensch, der das Privileg hatte, Christus zu tragen, entsprechend würdig gekleidet sein. Künftige Untersuchungen mit UV-Licht sollen fluoreszierende Pigmentreste sichtbar machen.
Christophorus stark und im Wasser
Im Mittelalter war blaue Farbe sehr teuer – daher war höchstwahrscheinlich kein blaues Wasser dargestellt. Doch die Darstellung von Fischen (rechts unten noch unvollständig erkennbar) genügte, um zu verdeutlichen, dass die Figur im Wasser stand.
Auch der Baum als Stab in Händen des Christophorus, dessen drei Wurzeln man gut unter einem Balken erkennt, ist ein bedeutungsvolles Symbol: Es verweist auf die Kraft und das Leben, das der Heilige trägt.
Eine Figur schützt vor dem Tod
Im Mittelalter glaubte man, dass der bloße Blick auf eine Christophorusfigur vor einem plötzlichen Tod schützt. Aus dem Speyerer Dom wurde die älteste bekannte Darstellung eines Christophorus überliefert. Weitere Darstellungen sind aus der Region bekannt: Weisenheim am Berg, Laumersheim, Worms (Dom), Wissembourg (St. Peter und Paul) und Meckenbach.
Es ist denkbar, dass sich von Speyer ausgehend in unserer Region die Verehrung dieses Heiligen verbreitet hat.
Viele Rätsel bleiben
Jüngere Untersuchungen lassen vermuten, dass ein Pilgerweg nach Santiago de Compostela entlang des Haardtgebirges auch durch Gimmeldingen führte. Sollte das Bild die Pilger auf ihrem gefährlichen Weg schützen?
Eine große Frage bleibt ungeklärt: Wer hat dieses aufwändige Monumentalgemälde in Auftrag gegeben? Es erscheint unwahrscheinlich, dass es allein für die damalige Dorfbevölkerung geschaffen wurde. Hatte es vielleicht der Gimmeldinger Burgherr anbringen lassen, damit der tägliche Blick aus seinem Fenster zur Kirche ihn vor Unbill schützte? Hier können wir nur spekulieren.
Das Fragment heute

Der leider unvollständige obere Teil der Figur – vor allem die Köpfe von Christophorus und Christus – ist unwiederbringlich verloren. Was erhalten blieb, sind die tief in den Putz eingedrungenen Farbreste, die trotz der Jahrhunderte noch immer vom einstigen Glanz des Bildes zeugen.
Die Gemeinde sieht es als ihre Verpflichtung, diese spärlichen Reste zu erhalten, zu bewahren und für die heutige Zeit zugänglich zu machen – als Fenster in die Glaubenswelt der Menschen in Gimmeldingen vor vielen hundert Jahren.
